Anna Essinger

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Anna Essinger und das Landschulheim – unterwegs von Herrlingen nach Bunce Court

Wer heute in Herrlingen aus der Bahnhofshalle tritt, wird den Hinweis kaum übersehen: „Ehemalige Landschulheime“ heißt es auf dem Wegweiser. Steil geht es die Wippinger Steige hinauf, aus dem Blautal heraus auf die Hochfläche der Schwäbischen Alb. Fast ganz oben, kurz bevor der Asphalt dem Feldschotter weichen muss, steht das Haus. Drei Stockwerke, holzgeschindelte Wände – Schwarzwaldstil heißt das in den Bauakten von 1925, als Anna Essinger, die älteste Schwester von Klär Weimersheimer, mit dem Bau dieses Hauses Klärs pädagogische Ideen in die Tat umsetzte. Sie hatte mit ihrem Mann Moritz 1911 ein Kinderheim in Herrlingen gegründet. Besonders körperlich schwächere Kinder wollte sie betreuen, denen das raue Klima der Alb wieder auf die Beine helfen sollte. Es blieb nicht bei dem Kinderheim; eine Schule kam dazu.

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Anna Essinger, die in Amerika studiert und eine Zeitlang dort als Lehrerin gearbeitet hatte, war nach dem Ersten Weltkrieg mit den Quäkem ins hungernde Deutschland zurückgekehrt, um die Kinderspeisung zu organisieren. Sie bleibt in Deutschland und übernimmt auf Bitten ihrer Schwestern Klär und Paula die Leitung des Landschulheims. Mit 18 Jungen und Mädchen beginnt Ostern 1926 der Schulalltag im Landschulheim Herrlingen.

Obwohl die Essingers eine jüdische Kaufmannsfamilie aus Ulm sind, soll die Schule, wie auch Klärs Kinderheim, nicht konfessionell gebunden oder geprägt sein. Wesentlich ist ihnen, Elemente der Reformpädagogik in ihre Arbeit zu integrieren. Zu den Grundzügen der Arbeit ist in einem alten Schulprospekt nachzulesen: „Die verhältnismäßig kleine Zahl … ermöglicht es den Erziehern mit den Jungen und Mädchen familienmäßig zusammenzuleben.“ Gemeinsam leben und lernen, den Menschen als ganzheitliches Wesen mit Körper, Geist und Seele zu betrachten und anzuregen, das sind wesentliche Elemente des pädagogischen Selbstverständnisses. „Irgendwie gab es viel mehr Vertrauen im Verhältnis zwischen Lehrern und Kindern“, beschreibt Hans Fichtner die Atmosphäre im Unterricht. „Einmal ist unser Deutschlehrer bei der Klassenarbeit aus dem Zimmer gegangen und hat gesagt: ‚Ich weiß, was ihr könnt. Abschreiben lohnt sich also nicht‘; da hat tatsächlich niemand abgeguckt, das war für uns selbstverständlich.“

Immer ist ein Ansprechpartner da, der sich um große und kleine Nöte kümmern kann, der Gärtner Herr Walter, Paula Essinger, die für Hauswirtschaft und Krankenrevier zuständig ist, alle Lehrerinnen und Lehrer. Viele Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und in Hausgremien erbittert diskutiert, ob es das Rutschen auf dem Treppengeländer ist oder die kleinen und großen Pflichten in Haushalt, Garten und Gemeinschaft.
Auch bei der Schulbehörde stieß das Projekt auf Anerkennung. Ostern 1931 schreibt der Ulmer Schulrat Schöttle vom Evangelischen Bezirksschulamt nach einem Besuch des Landschulheimes in seinem Bericht: „(Mein Besuch) … ergab die volle Befriedigung für den durchaus gut geordneten äußeren und inneren Stand ihres schönen Jugendbildungsheimes … In der erzieherischen Haltung bietet das Ineinander von guter Ordnung und ungezwungener Bewegungsfreiheit ein lebendiges Bild dar.“

Es kam der 1. April 1933, ein Samstag, der Tag des sogenannten >Judenboykotts<. „Im Dorf besaßen wir viele Freunde, aber alles, was in Deutschland am 1. April 1933 geschah, fand selbst an diesem abgeschiedenen Ort seinen Widerhall. Mir schien Deutschland nicht länger ein Ort zu sein, in dem man Kinder in Ehrlichkeit und Freiheit großziehen konnte“, so beschreibt Anna Essinger die deprimierende Situation. Während in Deutschland der psychische Druck auf die jüdische Bevölkerung von Tag zu Tag steigt, wird auch das Landschulheim zunehmend attackiert und denunziert. „Bei meinem ersten Besuch dort … konnte mir der Geist des Landschulheims so wenig gefallen, daß ich aufgrund meiner Einsicht in die heutigen kulturpolitischen Notwendigkeiten mir ernste Zweifel über dessen Lage nicht verhehlen möchte … Vom Standpunkt der nationalsozialistischen Revolution würde ich – und ich bitte diese Meinung zu entschuldigen – die Einsetzung eines verständnisvollen Kommissars für erwünscht halten, der sich mit den vorhandenen zur Mitarbeit fähigen Mitgliedern des Lehrkörpers ins Einvernehmen zu setzen bereit wäre.“ So ein Brief Herrmann Speers an die Stuttgarter Ministerialabteilung für die höheren Schulen vom 10. Mai 1933. Tapfer demonstrierte das Kollegium des Landschulheimes seine Opposition. An einem Feiertag, vermutlich Hitlers Geburtstag, am 20. April, als auf allen öffentlichen Gebäuden die Hakenkreuzfahne gehisst werden musste, setzte Anna Essinger für die ganze Schule einen Wandertag an. „Auf einem leeren Haus kann die Fahne nicht so viel bedeuten und anrichten“, hat sie gesagt.

Dem Landschulheim, dessen erste Schülerinnen und Schüler vor dem Abitur stehen, wird die Abnahme des Namens verboten. Anna Essinger reagiert schnell. Sie sucht für die Schule eine andere Heimat, zuerst in der Schweiz, dann in Holland, schließlich in England. „Alle Eltern der Kinder wurden informiert. Die meisten von ihnen und viele Eltern möglicher neuer Schüler zeigten starkes Interesse und waren sehr dafür, dass die Kinder nach England gebracht würden.“ Im September 1933, am Ende der Sommerferien, werden 65 Kinder mit drei großen, roten Bussen in Dover abgeholt. Schon am nächsten Tag beginnt in Bunce Court in der Grafschaft Kent der Unterricht. Ein altes Herrenhaus mit Wald und Ackerland wird neues Zuhause der Landschulheimer: New Herrlingen Bunce Court School.

„England wurde gewählt, da es als ein Gemeinwesen von Staaten die einzige Möglichkeit zu bieten schien, Kinder in Freiheit aufwachsen zu lassen, die aber gleichzeitig die Forderung stellt, sich anzupassen, bereit zu sein, irgendwo auf dieser Welt zu leben“, schreibt Anna Essinger in ihrem Tätigkeitsbericht Ostern 1935. Seit zwei Jahren leben sie, die Schüler und die Lehrer der New Herrlingen Bunce Court School schon in England.

„Darüber hinaus aber möchten wir Jungen und Mädchen mitbauen lassen an einer Welt, in der waches geistiges Leben, gegenseitige Hilfsbereitschaft und Verantwortlichkeit für die Gemeinschaft, die Freude an gut getaner Arbeit von allen anerkannte Werte sind“, fährt sie in diesem Bericht fort. „Wo ein tätiges Leben voll Interesse für alles, was das Dasein wertvoll macht, wo alles schöpferische höher bewertet wird als aller Besitz.“

Der Abschied der einen ist Anfang für die anderen. „Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Juden“, schreibt Lucle Schachne, Schülerin in Herrlingen und später Lehrerin in Bunce Court, in ihrem Buch „Erziehung zum geistigen Widerstand – Das jüdische Landschulheim in Herrlingen“, gab Anna Essinger „sich weder unbegründeten Wunschträumen über eine nur vorübergehende Gefahr hin, noch erlaubte sie sich irgendwelche Illusionen über die zukünftige Unterdrückung einer freiheitlichen
Erziehung“. Noch vor ihrer Emigration beantragte sie die Weiterführung des Landschulheims Herrlingen als jüdische Privatschule. Damit befindet sich das Ministerium in einer juristischen Zwickmühle; während auf der einen Seite jüdische Kinder die „Deutschen Schulen“ verlassen müssen, gilt auf der Seite auch für sie die allgemeine Schulpflicht. Die Neugründung von jüdischen Schulen jedoch ist verboten nicht aber die Weiterführung einer bestehenden Schule. Das Ministerium willigt schließlich ein und beauftragt den von Anna Essinger vorgeschlagenen Pädagogen Hugo Rosenthal mit der Leitung des Landschulheims Herrlingen. Bis Ostern 1939 kann die „Oase Herrlingen“ noch vielen verfolgten jüdischen Kindern und Erwachsenen Schutz bieten.

Im Vergleich zu Herrlingen ist die Schulgemeinde in Otternden, Kent, sicherlich in einer privilegierten Situation. Denn obwohl sie sehr wenig Geld zur Verfügung haben, gelingt es Schülern und Lehrern, all das nutzbar und fruchtbringend einzusetzen, was sie an praktischen Fertigkeiten in Herrlingen gelernt haben. Was dort noch pädagogisches Programm war, „lernten wir im englischen Exil ganz anders zu sehen. Gartenarbeit, Drechselarbeiten in der Holzwerkstatt, Möbel bauen, sogar der Bau unserer provisorischen Klassenzimmer, all das erwies sich als wirklich nützlich für den Aufbau unserer Schule“, erzählt später einer der Schüler.

Um den Kindern den Schulabschluss nach englischem Recht zu ermöglichen, lässt Anna Essinger ihre Schule von einem deutschen Real-Gymnasium in eine englische höhere Schule umwandeln und die Prüfung „London Matriculation“ abnehmen. Allein im Laufe des ersten Exiljahres bestehen zehn Schüler die Abschlussprüfung.

Auch in England ist der Gruppenunterricht, ist ein enges Zusammenarbeiten unter Lehrern und Schülern Grundlage der pädagogischen Arbeit. Deutsch und Englisch als tägliche Umgangssprache, Französisch, Latein und bisweilen auch Griechisch als Fremdsprachen sind verbindlich für alle Kinder. Daneben spielen die musischen Fächer eine große Rolle: Klavierspiel, Geige, Cello und Flöte wird unterrichtet. Am Kunstunterricht, Gartenbau und der Schreinerei nehmen einzelne Gruppen teil. Gymnastik, Heilgymnastik für besondere Fälle werden täglich gegeben. Um den Neuankömmlingen die häufig so erdrückende Fremdheit zu erleichtern kommen bald nicht nur englische Lehrer, sondern auch englische Schüler nach New Herrlingen. Außerdem führt Anna Essinger ein Patenschaftsprogramm ein, so dass viele Kinder neben ihren eigentlichen Eltern, die teilweise noch in Deutschland leben, auch eine englische „Familie“ bekommen.
Während in Deutschland die Lage immer ernster wird, führt die Schule, die so viele Kinder wie möglich aufnehmen will, einen verzweifelten Kampf um die finanzielle Absicherung. Viele Eltern können nicht helfen, da sie entweder schon von den Nazis deportiert oder aus Deutschland emigriert sind.

Als nach den Pogromen 1938 Kindertransporte mit Tausenden von Kindern in England aufgenommen werden, wird Anna Essinger gebeten, beim Empfang in Dovercourt zu helfen. In der Schule werden zwei neue Schlafsäle gebaut, andere Schüler in Häusern der Umgebung untergebracht. Seit 1935 haben weit über 500 Kinder die Schule durchlaufen und ihren Weg in Beruf, zum Studium oder in eine neue Heimat gefunden.
Als 1945 Deutschland in Trümmern liegt und die ganze Dimension unmenschlicher Barbarei der Naziherrschaft zu Tage tritt, übernimmt Anna Essinger ihre vielleicht schwierigste Aufgabe: Sie bietet in Bunce Court jüdischen Kindern, die aus den deutschen Konzentrationslagern befreit und gerettet werden, ein Heim. Hier können sie ein wenig ausruhen, bevor sie nach Palästina in eine neue Zeit aufbrechen. 1948 schließt die Schule in England ihre Pforten.
Nachdem die letzten Kinder Bunce Court verlassen hatten, wohnte Anna Essinger weiter mit ihren Schwestern Paula und Berthel auf dem Gelände und sie blieb mit den Schülern in Kontakt. Ihr Sekretär – sie war inzwischen erblindet – berichtet: „Die meisten Briefe, die ich für sie tippte, waren an ehemalige Schüler in verschiedenen Teilen der Welt, von denen anscheinend die Mehrzahl mit ihr in Verbindung blieben. Sie schienen sie sehr gern zu haben und nannten sie >Tante Anna<“.

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Im Oktober 1989 schloss Alan Major eine Artikelserie über Bunce Court so: „Es scheint unglaublich, daß Anna Essinger für ihre ungeheure und lebenswichtige Arbeit für die jüdischen Kinder aus Deutschland keine offizielle Anerkennung erhielt, keine Ehrung oder Auszeichnung. Ihre vielen Schüler auf der ganzen Welt behalten sie immer noch in Erinnerung. Sie wissen alle zu gut, wenn es ihr nicht gelungen wäre, sie zu retten, wären viele fast sicher in Hitlers Todeslagern umgekommen.“

Von Michael Schweres-Fichtner (und Hansjörg Greimel)